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Lesungen im Westpreußischen Landesmuseum

Foto: westpreußisches Landesmuseum
  • Lesung: Osterende
  1. Januar 2026, 18.00 Uhr, Westpreußisches Landesmuseum

Ulli Flessel, Stuttgart

Westpreußen, Spätsommer 1939. Freddy Rebuscheit und seine Kusine Frizi lieben sich – doch niemand darf es erfahren. Ebenso nicht, dass Freddys Schwester Mia epileptische An-fälle hat, denn die neuen Machthaber verfolgen ein gefährliches Gesundheitsideal. Die Familie steht nicht nur wegen des heraufziehenden Krieges vor großen Herausforderungen. Im Land Hadeln (Niederelbe) verzweifelt zur selben Zeit Henri Gerckens an seiner ersten Liebe. Gemeinsam mit seiner Tante Jette riskiert er sein Leben, um einem Regimegegner Unter-schlupf zu gewähren. Krieg und Flucht führen die Familien Rebuscheit und Gerckens 1951 zusammen. Als eine Heirat ihre Lebensläufe verknüpft, kommt zum Ausbruch, was sich über zwölf Jahre aufgestaut hat.

„Osterende“ ist ein unterhaltsamer und zugleich erhellender Familienroman. Geschrieben hat ihn Ulli Flessel: Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der ehemalige Lektor und Hochschul-professor Ulrich Huse, seit Anfang 2003 in Stuttgart wohnhaft. Nach zahlreichen Fachpublikationen hat Huse nun seinen ersten Roman veröffentlicht. Dem Autor gelingt es, die Zeitgeschichte mit dem Alltag seiner Figuren lebendig zu verknüpfen. Die multiperspektivische Er-zählweise von „Osterende“ erlaubt es Leserinnen und Lesern, das Geschehen aus unter-schiedlichen Blickwinkeln hautnah zu mitzuerleben. Rasch wird dabei deutlich, dass die Themen dieses Familienromans – Flucht, Ausgrenzung und persönliche Verantwortung – heute wieder brandaktuell sind.

  • Lesung: Der Schmerz sprach Polnisch, das Gemüse Deutsch
  1. Januar 2026, Westpreußisches Landesmuseum 18: 00

Birgitta M. Schulte, Detmold

Adam geht mit seiner Frau Zuzanna als gelernter Dreher im Alter von 28 Jahren aus West-preußen ins Ruhrgebiet, nach Dortmund. Er verlässt seine Heimat, aber nicht sein Land. Er hat die preußische Staatsangehörigkeit. Dennoch gibt es Anfeindungen, vor allem, als Zuzanna Arbeit sucht. Sie muss Geld verdienen, denn Adam hat zu Beginn des Romans (1893) einen Unfall und verliert auf einem Auge das Sehvermögen. Sie hat schließlich Glück und findet eine Anstellung als Näherin in einem reichen Haus, bei einem kinderlosen Ehepaar.

Adam, der als Handwerker eingewandert war und schnell zum Dreh-Herr aufstieg, lei-det unter der Diskriminierung, die er als Pole erfährt. Deutsch werden oder Polnisch sein? Die aufgedrängte Frage macht ihm ein Gefühl von Zerrissenheit. Mehr noch leidet er unter der Ausbeutung und Schikane in den Arbeitsverhältnissen zur Zeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Er wird Mitglied der Metallgewerkschaft und der SPD. Er grenzt sich ab gegen das um sich greifende Nationalpolentum und gegen die Manipulation durch polnische Geistliche. Darin wird er von Zuzanna unterstützt, dem SPD-Mitglied Adam folgt sie eher zögerlich.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist für Adam und Zuzanna mit ihren inzwischen acht Kin-dern nicht leicht. 1918 wird auch in Dortmund ein Arbeiter- und Soldatenrat gegründet, die Bergleute sind auf den Straßen und kämpfen für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten. Es gibt kaum etwas zu essen. Unruhe und Aufruhr herrschen, bis in Berlin von rechts geputscht wird und die alten Reichswehrtruppen auch in Dortmund einmarschieren. Terror und Blutvergießen vor Augen, stirbt Adam an einem Herzinfarkt.

Zuzanna muss weiterleben. Wieder gibt es kaum noch Lebensmittel als französische und bel-gische Soldaten das Ruhrgebiet besetzen. Selbst im Persönlichen muss sie das Unerwartete durchstehen. Der drittälteste Sohn reißt das polnisch bestickte Tuch in der Küche aus seiner Halterung, er versteht sich als Deutscher, nicht mehr als Pole. Es scheint, als ob sich die Pole von Adams Zerrissenheit auflösen.

Waren sie mehrfach auf der Welt oder einfach nur zerrissen? fragen sich die Figuren und fragt sich Birgitta M. Schulte. Das Schicksal ihrer Urgroßeltern spiegelt sich in den Erfahrungen des kommentierenden Ichs bald 100 Jahre später. Dabei geht es nicht nur um die Migra-tion in eine neue Sprachumgebung und verlangte nationale Identität, sondern auch um die Migration von einem sozialen Milieu in ein anderes. Ein Roman, in dem Birgitta M. Schulte das Leben ihrer Urgroßeltern anhand von historischen Studien nachzeichnet, literarisch anreichert und mit ihrer persönlichen Familiengeschichte verwebt.

Birgitta M. Schulte wurde 1951 geboren, wuchs in Ostwestfalen auf und lebt heute wieder in Detmold. Sie wurde Redakteurin pädagogischer Zeitschriften und Autorin bei der ARD für die Themenbereiche Bildung, Frauen, Umwelt und Archäologie. Sie hat vier Sachbücher veröffentlicht. Viele ihrer kurzen Geschichten sind in der Zeitschrift „Tentakel. Literatur aus OWL“ erschienen. 2019 erhielt sie den Stockstädter Literaturpreis anlässlich der Buchmesse im Ried.