Er hat 41 Jahre bei der Post gearbeitet – erst als Zusteller, später am Schalter der Postbank. Dann machte Hubert Splietker einen radikalen Schnitt und wechselte in den „Engagierten Ruhestand“. „Die Post wollte sich damals von ihren Beamten trennen und bot vorzeitigen Ruhestand an, wenn man entweder 1000 Sozialstunden leistete oder sich ein Jahr für den Bundesfreiwilligendienst entschied“, erzählt der 59-jährige Ahlener. Er wählte den Bundesfreiwilligendienst und ist inzwischen seit 18 Monaten bei den Freckenhorster Werkstätten am Vatheuershof in Ahlen tätig. In dieser Einrichtung des Caritasverbandes im Kreisdekanat Warendorf arbeiten 235 Menschen mit geistiger Behinderung.
Dass Splietker gerne mit Menschen zusammen ist, die behindert sind, liegt vielleicht auch in seinen Genen. „Meine drei Brüder haben alle erst eine handwerkliche Ausbildung gemacht und sind inzwischen seit vielen Jahren als Gruppenleiter bei den Werkstätten tätig“, schmunzelt er. „Einer in Freckenhorst, einer in Oelde und der dritte tatsächlich hier in Ahlen.“ Hubert Splietker hatte also eine konkrete Vorstellung, was ihn hier erwarten würde. Trotzdem gab es Hürden beim Einstieg. „Ich musste für meinen Job als Bufdi eine richtige Bewerbung schreiben“, staunt der 59-Jährige noch im Nachhinein. An das Pflichtjahr von zwölf Monaten hat Splietker längst ein weiteres halbes Jahr drangehängt. „Einfach, weil’s hier so viel Spaß macht.“ Und künftig wird Splietker als Mini-Jobber am Vatheuershof arbeiten.
„Eigentlich wusste ich schon nach vier Wochen, dass ich verlängern würde.“ Der Ahlener strahlt. „Das ist so ein tolles Ambiente hier. Wenn du aus dem Urlaub kommst, freuen sich alle, dass du wieder da bist.“ Im Job gerne gesehen zu werden, ist eben eine hohe Motivation – jedenfalls für Hubert Splietker. „Ich finde meine Arbeit hier in der Werkstatt viel weniger stressig als meinen früheren Job am Schalter“, betont er. Obwohl er sich in der Werkstatt ganz anderenHerausforderungen stellen muss.
„Es ist wichtig, alle Beschäftigten in der Gruppe gut im Blick zu haben und frühzeitig zu merken, wenn sich etwas zuspitzt“, erklärt Maria Teichrieb, worauf Gruppenleiter und Bufdis achten sollten. Denn hin und wieder reagierten Beschäftigte auch aggressiv. „Das muss man schnell auffangen.“ Die gelernte Schneiderin liebt ihren Job als Gruppenleiterin und kümmert sich seit Jahren um Bufdis wie Hubert Splietker, damit diese ihre neuen Aufgaben bewältigen. „Es ist oft ein Spagat, den man hinbekommen muss. Zum einen brauchen unsere Beschäftigten viel Nähe und Herzlichkeit, gleichzeitig aber auch klare Strukturen. Und nicht zuletzt müssten die Aufträge termingerecht abgearbeitet werden.“
Während Maria Teichrieb sich in früheren Jahren oft um fünf Bufdis gleichzeitig kümmerte, war zuletzt nur Hubert Splietker als solcher im Einsatz. „Inzwischen haben wir einen Jugendlichen, der wieder als Buffi bei uns arbeitet, um die Zeit bis zur Ausbildung zu überbrücken“, erzählt die Gruppenleiterin. Das sei für die Werkstatt eine große Unterstützung – auch wenn sehr junge Menschen natürlich nicht die Lebenserfahrung hätten, Hubert Splietker mitbringt.
Abgesehen vom Geschick bei Montagetätigkeiten – aktuell werden Badewannen-Füße für das Unternehmen Kaldewei gefertigt – sind Fingerspitzengefühl, Herz und Vertrauen gefragt. Dass Hubert Splietker über diese Fähigkeiten verfügt, zeigt sich beim Fototermin. Eigentlich nur ein kurzer Moment. Aber danach wollen viele der Beschäftigten noch ein Foto mit Hubert machen, drängen an seine Seite, umarmen ihn. Alle lächeln glücklich in die Kamera. Splietker auch. Heute ist sein letzter Tag als Bufdi. Aber er bleibt der Werkstatt als Minijobber treu – nicht, weil diese Tätigkeit besonders lukrativ ist. Er bleibt aus Überzeugung. Weil er weiß, dass er hier einen guten Job macht.



