News Ticker

Jonas und sein Weg aus der Sucht: „Alleine hätte ich das nie geschafft“

dav

Eine halbe Flasche Wodka hat Jonas gebraucht. Jeden Tag. Obwohl ihm der Alkohol damals gar nicht schmeckte. Aber der heute 23-Jährige aus Enniger ist über Cannabis in den Alkohol „reingerutscht“, wie er sagt. „Ich hatte kaum Freunde, und die wenigen, die es gab, haben alle Cannabis geraucht.“ Jonas war damals 16 oder 17, wollte dazu gehören, rauchte mit, trank mit. Erst zusammen mit den anderen, dann allein. Bis gar nichts mehr ging.

Zum Glück hatte der Schulsozialarbeiter am Berufskolleg in Beckum Jonas im Blick und spürte, wie der Junge immer mehr abdriftete, geistesabwesend wirkte, ins Leere starrte. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir selbst das Suchtproblem noch nicht eingestanden“, erzählt Jonas, der im Sommer seine Ausbildung zum Fachinformatiker beenden will.

Aufwärts ging es für ihn erst, als der Schulsozialarbeiter Jonas zur Quadro Sucht- und Drogenberatung in Beckum begleitete. „Bis dahin hatte ich immer gedacht, dass ich alles mit mir alleine ausmachen muss“, berichtet der junge Mann. „Aber nach dem ersten Schritt schien es einfach zu sein.“ Dem war allerdings nicht so.

„Mein erstes Gespräch war am 17. Dezember 2022“, erinnert sich Jonas genau. „An dem Abend habe ich noch getrunken – aber am nächsten Tag nicht mehr.“  Doch der Rückschlag kam. „Wir hatten am 28. Dezember unser Abi-Treffen.“ Einigen Kumpels habe er sogar von seinem Alkoholproblem erzählt, berichtet Leon. Doch die hätten das schnell abgehakt – nach dem Motto „Kann nicht so schlimm sein.“

In dieser Situation schaffte Jonas es nicht, die Flasche stehen zu lassen. Der Rückfall dauerte aber nur drei Tage. Denn Jonas wollte raus aus der Sucht. Ging erneut zur Quadro-Sucht- und Drogenberatung und begann einmal wöchentlich mit Einzelgesprächen.

Zu diesem Zeitpunkt blickte der Ennigeraner bereits auf eine längere Suchtgeschichte mit vielen Tiefpunkten zurück. „Anfang 2022 musste ich meinen Führerschein abgeben – wegen Cannabis am Steuer“. Das sei eine harte Zeit gewesen. Nach Enniger würde eben nicht jede Stunde ein Bus fahren. Jonas war darauf angewiesen, dass sein Vater ihn morgens mit dem Auto zur Arbeit mitnahm. Und selbst die ambulante Reha habe er später nur machen können, weil seine Eltern ihn abends nach Beckum gebracht und abgeholt haben.

Zunächst habe er etwa drei Monate wöchentliche Einzelgespräche mit seiner Beraterin Veronika Stemick, der Leiterin der Beckumer Beratungsstelle, gehabt. Dabei sei viel auf den Tisch gekommen, erzählt Jonas: etwa, dass er als Kind unter diagnostizierter ADHS litt, seine Mutter aber eine Therapie ablehnte. Später folgten Erschöpfungszustände, Depression. Schließlich habe er sich geritzt und sei vom Hausarzt in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Dort ging es auch schon um sein Suchtproblem. Fünf bis sechs Tage sei er auf Entzug gewesen. „Die Ärzte haben mir damals eine stationäre Therapie nahegelegt.“ Aber darauf hätte er drei Monate warten müssen. Und zwei Wochen nach der Entlassung aus der Klinik hing Jonas längst wieder an der Flasche.

Ein Teufelskreis, der am Ende durch ein einziges Gespräch gestoppt wurde. Alles änderte sich, als der Schulsozialarbeiter sich einmischte und Jonas zur Suchtberatung begleitete. Das war der erste Schritt. Und danach war es – trotz kleinerer Rückschläge- „überraschend einfach“, sagt Jonas. „Natürlich war es trotzdem auch anstrengend. Zu hundert Prozent. Aber von mir ist damals eine Last abgefallen. Ich konnte hier meine Geschichte erzählen.“

Nach drei Monaten mit wöchentlichen Einzelgesprächen entschied sich Jonas in Abstimmung mit seiner Beraterin für eine ambulante Reha. Zu den Einzelgesprächen kamen dann auch Gruppengespräche hinzu. Sie dauerten abwechselnd 100 oder 200 Minuten in der Woche. „In dieser Zeit ist mir erst richtig klar geworden, was mein eigentliches Problem war und warum ich getrunken habe.“ Schon in der Grundschule habe er darunter gelitten, keine Freunde zu finden und keinen Anschluss zu haben, nennt Jonas als Hauptmotiv.

Gleichzeitig habe er in der Reha auch gelernt, achtsamer mit sich selbst umzugehen, Risikofaktoren zu erkennen – aber auch die eigenen Ressourcen. „Ich bin eigentlich kommunikativ und mitfühlend“, beschreibt der 23-Jährige sich selbst. In seiner Freizeit jobbt Jonas beispielsweise oft in einer kulturellen Einrichtung und ist dort im Catering tätig. „Ich würde mich aber nicht um den Verkauf von Alkohol kümmern“, hält Jonas fest. Auch auf Partys gehe er selten.

 Doch zum Glück ist Jonas inzwischen fest liiert Er hat eine Freundin und ist glücklich in dieser Partnerschaft. Und auch am Arbeitsplatz sind freundschaftliche Beziehungen gewachsen. Jonas ist zufrieden mit seinem Leben. Zum ersten Mal nach langer Zeit. Abstinent zu leben, ist für ihn vielleicht auch deswegen keine Schreckensvorstellung. Allerdings weiß er, dass es zusammen mit Gleichgesinnten leichter fällt, Nein zu sagen. Aktuell guckt Jonas daher gerade nach einer passenden Selbsthilfegruppe.

Den Weg aus der Sucht fand Jonas, weil er Unterstützung hatte. An Anfang standen Gespräche mit Veronika Stemick, Leiterin der Quadro Sucht- und Drogenberatung in Beckum. Foto: Caritasverband im Kreisdekanat Warendorf

 

Die Quadro Sucht- und Drogenberatung

Quadro, die Kooperation der Sucht- und Drogenberatung caritativer Verbände im Kreis Warendorf, hat vier Standorte: Ahlen, Beckum, Oelde und Warendorf. Die Beratungsstellen bieten ein vielfältiges Leistungsspektrum an, das vom Erstkontakt über Beratung, Betreuung und die Vermittlung in stationäre Hilfsangebote bis hin zur ambulanten Rehabilitation für suchtkranke Menschen reicht. Darüber hinaus sind weitere Kernaufgaben Präventionsmaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit, Zusammenarbeit mit vielen engagierten Selbsthilfegruppen, Beratung von Angehörigen, Begleitung substituierter Menschen im Rahmen einer psychosozialen Betreuung, Vorbereitung auf die Medizinisch-Psychologische Untersuchung bei Entzug der Fahrerlaubnis sowie die Entwicklung und Durchführung verschiedenster Projekte für eine bedarfsgerechte Versorgung suchtkranker Menschen. Im vergangenen Jahr 2024 haben insgesamt 736 Menschen die Hilfeangebote der Quadro Sucht- und Drogenberatung im Kreis Warendorf in Anspruch genommen – darunter 527 Männer und 209 Frauen. Alkoholprobleme stehen dabei mit 37 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Cannabis mit 18 Prozent. Auch viele Bezugspersonen, die einen nahen Suchtkranken im privaten Umfeld haben, suchten mit etwa 15 Prozent professionelle Unterstützung. Die Kontaktdaten unter www.qua-dro.de.