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Deeskalationstraining bei den Werkstätten: Die innere Not erkennen

Paula hat ein sonniges Gemüt. Seit vier Jahren arbeitet die Frau mit einer geistigen Behinderung bei den Freckenhorster Werkstätten. Eine geschätzte Kollegin, die jedem ihr Lächeln schenkt. Doch heute ist die Lage anders. Paula reagiert gereizt und beim gemeinsamen Mittagessen wird sie richtig wütend. „Sie hat ihren Teller über den gesamten Tisch geschmettert“, erzählt Falk Heckenkamp, Leiter der Zweigstelle Vatheuershof in Ahlen, die der Caritasverband im Kreisdekanat Warendorf als Träger der Freckenhorster Werkstätten betreibt.

Erst später fanden die Mitarbeitenden der Werkstatt heraus, wo Paula der Schuh drückt. Ein Anruf in ihrem Wohnheim brachte die Klärung. Der Mund der jungen Frau war entzündet. Aber die geistig behinderte Frau konnte ihren Schmerz nicht artikulieren und reagierte stattdessen mit Wut.

Die innere Not von Werkstattbeschäftigen zu erkennen, sei wichtig, um mögliche Eskalationen im Tagesbetrieb zu vermeiden. Nicht immer gelänge dies, erläutert Falk Heckenkamp. Er leitet nicht nur die Einrichtung am Vatheuershof, sondern ist auch Deeskalationstrainer der Freckenhorster Werkstätten. Vier Mitarbeiterinnen unterstützen ihn bei dieser Aufgabe.  Das Team ist für den gesamten Werkstattbereich mit insgesamt rund 1400 Beschäftigen zuständig.

Die Fachleute sprechen von „herausforderndem Verhalten“ und meinen damit zum Beispiel: Schimpfen, Kratzen, Beißen, Treten sowie Selbstverletzungen. „Unsere Aufgabe ist zu klären, was dahintersteckt“, erläutert Julia Kroos, die regelmäßig Deeskalationstrainings an den Standorten der Freckenhorster Werkstätten und weiteren Caritas-Einrichtungen durchführt. Die Werkstattbeschäftigten seien nicht aggressiv, so Kroos. Sie könnten sich meistens nur nicht anders artikulieren.

Trotzdem mache es etwas mit dem jeweiligen Gruppenleiter, wenn ein Beschäftigter ihn plötzlich beleidigt, kratzt oder anspuckt. „Wenn es zu Übergriffen kommt, wird jeder Fall dokumentiert. Sowohl die Mitarbeitenden als auch die Beschäftigten erhalten das Angebot zur Nachsorge“, erklärt Kroos.

So genannte Übergriffe seien im Arbeitsalltag leider häufig. Auch Beleidigungen zählen dazu. „Manchmal wird herausforderndes Verhalten als Provokation interpretiert, in der Regel leiden die Beschäftigten aber unter einem Mangel. Wichtig ist, die Gruppenleiter so zu schulen, dass sie ein solches Verhalten nicht persönlich nehmen“, unterstreicht Falk Heckenkamp.

Um die Verantwortlichen möglichst gut vorzubereiten, erhalte jeder neue Mitarbeitende zunächst eine dreitägige Grundschulung rund ums Thema Deeskalation. Danach gebe es regelmäßig weitere Kursangebote.

In den Nachsorge-Gesprächen werde geguckt, was der Mitarbeitende braucht, um weiterhin zufrieden an seinem Arbeitsplatz tätig sein zu können. Dabei werde besprochen, ob der Gruppenleiter oder die Gruppenleiterin sich zutraut, mit dem Beschäftigten, der so impulsiv geworden ist, wieder gemeinsam zu arbeiten. „Wenn nicht, finden wir eine andere Lösung“, sagt Heckenkamp. Im Team seien sich die Mitarbeitenden aber einig, dass es nicht um die Frage gehe: Wie stoppen wir herausforderndes Verhalten? Im Vordergrund stehe stattdessen: Was möchte der Beschäftigte mir mit diesem Verhalten mitteilen und welches Bedürfnis steckt dahinter?

Belastende Situationen künftig zu verhindern oder wenigstens zu vermindern, sei das gemeinsame Ziel. Dabei arbeiten die Deeskalationstrainer der Freckenhorster Werkstätten nach dem Ansatz von ProDeMa – die Abkürzung steht für „Professionelles Deeskalationsmanagement“. 

Die Szene ist nachgestellt. Falk Heckenkamp und Julia Kroos zeigen, wie ein Übergriff von Werkstatt-Beschäftigten auf Mitarbeitende aussehen kann. Konflikte dieser Art entstehen, wenn Beschäftigte sich unter Druck fühlen und innere Nöte nicht verbal kommunizieren können. Foto: Caritasverband