Verlorene Schätze wiederentdecken: VHS-Werkstatt erkundet „Verschwundene Orte – Lost Places“ in Warendorf“

Wenn von sogenannten „Lost Places“ die Rede ist, handelt es sich meist um verlassene und oft in Vergessenheit geratene Stätten. Viele mit der unter Umständen sogar recht charmanten Patina des Verfalls, deren teils skurrile Ansichten sich vor allem im Internet gut vermarkten lassen. Doch um solche geht es bei der neuen, 14-täglich stattfindenden Geschichtswerkstat in der VHS nicht – zumindest nicht um jene aus Social-Media bekannten Exkursionen. Vielmehr geht es dem federführenden Heimatverein vordringlich um „Places“, die in der Sache bereits vollständig verloren sind. Allerdings lässt sich verhindern, dass sie auch aus dem Gedächtnis verschwinden.

Als gutes Beispiel dafür kann der Warendorfer Bahnhof gelten. Nicht der jetzige, auch wenn dieser Ort mitunter reichlich verloren und von der Eurobahn vergessen wirkt. Sondern der ehemalige. „Welcher?“ mag nun manch älterer Warendorfer fragen. Der, der am 13. Januar 1995 einem verheerenden Feuer zum Opfer fiel? Oder doch eher der Anfang des 20. Jahrhundert gebaute, der heute an der B64 gar nicht mehr als ehemaliger Bahnhof erkennbar ist? Oder der, der schon am 8. Februar 1887 an der Wallpromenade den ersten Zug begrüßen konnte?

Ein weites Feld, aber nicht das Einzige das sich lohnenswert anbietet, nachträglich beleuchtet und durch Aufarbeitung zeitgenössischer Quellen in Gänze für die Nachwelt erhalten zu werden. Auch der Werdegang der Armenfürsorge durch die Jahrhunderte, die Geschichte ehemaliger Waisenhäuser, die Historie der nur rudimentär erhaltenen Festungsanlagen oder die Stätten und Funktionen ehemaliger Gerichtsbarkeit sind Denkvorlagen, mit denen sich die Werkstatt beschäftigen kann. Das eingeschmolzene und zu Waffen verarbeitete Löwendenkmal auf dem Historischen Marktplatz bietet nicht nur Material für Kanonen sondern auch für tiefer gehende Erforschung, die bei sogenannten Kriegerdenkmalen ja auch immer zu der Frage führen, wem dort gedacht wurde und wird: den Helden oder den Toten?

Die Leiterin der VHS, Dr. Mareike Beer, freut sich bereits auf die Ergebnisse, denn „Ein Werkstatt bedeutet, dass man am Ende ein Produkt hat.“ Das könne beispielsweise ein Audioguide sein, wie es ihn in Sassenberg und Freckenhorst bereits gibt. Beatrix Fahlbusch, die Vorsitzende des Heimatvereins, und ihre Mitstreiterinnen Elisabeth Budde und Cordula Mense-Frerich jedenfalls sind von diesem Format sehr angetan und hoffen auf Ergebnisse, die in dieser oder ähnlicher Form nutzbar gemacht werden können. Schließlich ist Gegenwart immer nur ein Ergebnis von Vergangenheit, was somit auch für jede Zukunft gilt.

Natürlich kann eine derartige Werkstatt auch Themen wie die viel diskutierte Agnes-Miegel-Tafel am Historischen Rathaus oder die schier niemals endende Geschichte des Brinkhausgeländes aufgreifen, aber es gibt weit darüber hinaus noch „Lost Places“, die sich wiederzuentdecken lohnen.

Für die Werkstatt sind derzeit sechs Termine angesetzt: Alle 14 Tage, beginnend am 4. Mai, immer montags von 18.00 bis 19.30 Uhr. Damit soll auch vielen im Beruf stehenden Interessierten sowie Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit gegeben werden, sich einzubringen. Eine Anmeldung ist aus logistischen Gründen sinnvoll, die Teilnahme ist kostenfrei.

Elisabeth Budde, Cordula Mense-Frerich und Beatrix Fahlbusch vom Heimatverein mit VHS-Leiterin Mareike Beer vor der heutigen VHS, einem Ort, der ebenfalls viel Geschichte erlebt hat. (Foto: Rieder)