Alle zwei Jahre verwandelt sich eine Stadt für zwei Wochen in die Hauptstadt des Einradsports – in diesem Jahr war es Steyr in Österreich, das vom 24. Juli bis 7. August Schauplatz der 22. Unicycle World Championships and Convention (UNICON) war. Insgesamt 1.144 Sportlerinnen und Sportler aus 41 Nationen reisten an, wobei die deutschen Teilnehmenden das größte Starterfeld stellten. Mit dabei: 25 Sportlerinnen und Sportler der Einradgemeinschaft Münsterland (EGM), die in unterschiedlichsten Altersklassen an den Start gingen.
Was die UNICON so besonders macht, lässt sich kaum in Worte fassen. Sie ist eben nicht nur Weltmeisterschaft, sondern vor allem ein großes, herzliches Fest einer Sportart, die weitaus vielseitiger ist, als es auf den ersten Blick scheint – von rasanten Bahn- und Straßenrennen über akrobatische Sprünge bis hin zu waghalsigen Muni-Abfahrten im Gebirge. Zwei Wochen lang standen dabei nicht nur sportliche Höchstleistungen im Vordergrund, sondern genauso das Zusammenkommen einradbegeisterter Menschen aus aller Welt, internationale Begegnungen und ein Austausch über Grenzen hinweg. Konkurrentinnen und Konkurrenten feuerten sich gegenseitig an, und der Applaus in der Halle und an der Strecke galt gleichermaßen den Weltrekordhalterinnen und -haltern wie dem Kind, das seine allererste WM-Fahrt bestritt.
Mit zunächst 18 Sportlerinnen und Sportlern startete die EGM in die erste Wettkampfwoche. Den Auftakt bildete die offizielle Eröffnungsfeier am 25. Juli, die ganz im Zeichen der Teilnehmenden stand: Eine Parade aller Ein-radfahrerinnen und -fahrer führte durch die Altstadt von Steyr und mündete in einem feierlichen Einmarsch der Nationen in der Stadthalle. Für viele Sportlerinnen und Sportler war dies ein echter Gänsehautmoment, der die Vorfreude auf die kommenden Tage noch einmal spürbar steigerte.
Die erste Woche stand für das EGM-Team ganz im Zeichen neuer und seltener gefahrener Disziplinen, die im nationalen Wettkampfprogramm seltener angeboten werden: 10 Kilometer, Hoch- und Weitsprung, Criterium, Stillstand sowie Mountain Unicycling im Up- und Downhill.
Beim 10-Kilometer-Rennen über einen Rundkurs durch ein Wohngebiet mit anspruchsvollen Straßenverhältnissen sorgte das ständige Anfeuern bei den vier zu fahrenden Runden für eine besonders mitreißende Atmosphäre. Marisa Löckmann sicherte sich in der Altersklasse der 15- bis 16-Jährigen den ersten Platz, gefolgt von Ida Striemer auf Rang drei. Lisa Hagedorn belegte einen starken vierten Platz bei den 21- bis 22-Jährigen, Julia Potthoff wurde Fünfte in der Altersklasse 17-18. Marisa, Lisa und Julia erkämpften sich dabei jeweils neue persönliche Bestzeiten.
Bei Hoch- und Weitsprung erschwerten kräftige Windböen die Bedingungen deutlich. Im Hochsprung überzeugten Sarah Heidecker und Lisa Hagedorn mit neuen persönlichen Bestleistungen. Im Weitsprung glänzte Alexandra Sandmann (30-49 Jahre) mit einem hervorragenden zweiten Platz und Emilia Quandt sprang eine neue persönliche Bestleistung.
Das Criterium – ein kurvenreicher Rundkurs mit vielen Überholmanövern und spannenden Zweikämpfen – begeisterte das Publikum. 15 EGM-Sportlerinnen und -Sportler gingen an den Start, darunter mit Lea Minke auch die jüngste Sportlerin des Teams bei ihrem ersten WM-Einsatz überhaupt. Gleich vier EGM-Fahrerinnen erreich-ten das Finale: Leonie Brandwitte, Marisa Löckmann, Ida Striemer und Julia Potthoff. In ihren Altersklassen wurde Marisa Löckmann Zweite und Ida Striemer Dritte und Lisa Hagedorn sicherte sich Rang zwei.
Bei der Disziplin Stillstand – bei der so lange wie möglich auf einem kleinen Holzblock balanciert werden muss, waren Konzentration und Feingefühl gefragt. Zehn EGM-Sportlerinnen nahmen teil, für viele war es die erste Erfahrung in dieser Disziplin. Sarah Heidecker belegte einen starken vierten Platz in ihrer Altersklasse und ver-passte um wenige hundertstel Sekunden den dritten Platz.
Im Downhill Beginner mit einer Strecke über 1,1 Kilometer und 158 Höhenmeter räumte die EGM in der Alters-klasse 23-24 Jahre gleich das Treppchen fast komplett ab: Nina Ehl siegte, Lara Rottwinkel wurde Zweite und Nele Kuhlmann Fünfte. Beim Uphill Beginner meisterte Lara Rottwinkel zudem eine 600 Meter lange Strecke mit 50 Höhenmetern.
Neben den eigenen Wettkämpfen nutzte das Team die erste Woche auch, um andere Einraddisziplinen als Zu-schauer zu erleben – etwa das Trial, bei dem über Paletten gesprungen wird, sowie das Finale von Hoch- und
Weitsprung. Dort stellte Johannes Baumkirchner (Österreich) mit 4,60 Metern einen neuen Weltrekord im Weit-sprung der Herren auf. Insgesamt war es für die EGM eine sehr erfolgreiche erste Woche, geprägt von zahlreichen Gänsehautmomenten, tollen sportlichen Erlebnissen und vielen internationalen Begegnungen.
Zu Beginn der zweiten Woche verstärkten sieben weitere Sportlerinnen das EGM-Team, das nun mit voller Mannschaftsstärke von 25 Sportlerinnen und Sportler in die Hauptdisziplinen startete: die Bahnrennen, verteilt über vier Wettkampftage. Wie stark die internationale Konkurrenz war, zeigte bereits ein Blick auf die Startlisten, in denen teils über 70 Rennen pro Disziplin standen – ein Teilnehmerfeld dieser Größe hatte es im Bahnbereich seit vielen Jahren nicht mehr gegeben.
Den Auftakt der Bahnrennen bildete der IUF-Slalom. Für Carlotta Buchholz, Amelie Rosemann, Hermine Winterberg, Karla Nolle Buschmann, Franziska Tepe, Maja Laumann, Max Laumann, Lena Ziegert, Marit Nolle Buschmann und Nicole Hagedorn war es der jeweils erste Start bei einer Weltmeisterschaft. Emilia Quandt fuhr auf einen starken dritten Platz, weitere dritte Plätze holten sich Julia Potthoff, Lisa Hagedorn und Leonie Brandwitte in ihren Altersklassen. Konstantin Brandwitte, Ida Striemer und Sarah Heidecker belohnten sich zudem mit neuen persönlichen Bestleistungen.
Im Coasting sicherte sich Lisa Hagedorn mit 20,80 Metern die weiteste Strecke aus dem EGM-Team.
Beim 800-Meter-Lauf gingen erstmals alle der 25 EGM-Sportlerinnen und -Sportler an den Start – und das bei Temperaturen, die von angenehmeren Morgenwerten bis auf rund 38 Grad in praller Mittagssonne kletterten und die Langstrecke zusätzlich erschwerten. Hermine Winterberg, Amelie Rosemann und Carlotta Buchholz bewiesen dabei starke Nerven und fuhren persönliche Bestleistungen, Nele Kuhlmann sicherte sich eine Saisonbestleistung. Aufs Podium fuhren Franziska Tepe (13-14 Jahre) mit Rang drei und Marisa Löckmann (15-16 Jahre) mit Rang zwei. In der Altersklasse 11-12 Jahre setzten sich Karla Nolle Buschmann (4.) und Hermine Winterberg (5.) gegen ein starkes Feld von 23 Sportlerinnen und Sportlern durch.
Nach kurzer Pause im Schatten ging es mit dem 30-Meter-Radlauf weiter: Marisa Löckmann fuhr erneut auf Rang drei, Sarah Heidecker (5.) und Lena Ziegert (6.) behaupteten sich in derselben Altersklasse unter insgesamt 23 Starterinnen. Besonders stark präsentierte sich Leonie Brandwitte, die ihre Altersklasse gewann.
Bei anhaltender Hitze von bis zu 40 Grad folgten am nächsten Tag die 100 Meter. Emilia Quandt sicherte sich Rang drei in der Altersklasse 15-16 Jahre, unterstützt von Luise Kaiser (10.), Marit Nolle Buschmann (11.) und Mathilda Kaiser (13.) bei insgesamt 28 Konkurrentinnen – alle drei fuhren dabei Saisonbestleistungen. Weitere zweite Plätze holten Leonie Brandwitte und Alexandra Sandmann. Lea Minke verpasste das Podium in der Altersklasse 0-10 Jahre knapp als Vierte, stellte dabei aber eine neue persönliche Bestleistung auf; auch Nicole Hagedorn und Max Laumann fuhren persönliche Bestzeiten. Für einen besonderen Gänsehautmoment im Finale sorgte der Japaner Misaki Ushida, der mit 12,44 Sekunden einen neuen Weltrekord bei den Herren aufstellte.
Am Nachmittag folgte bei mittlerweile über 40 Grad und einem noch heißeren Tartanbelag das 50-Meter-Einbeinrennen. Nina Ehl, Lisa Hagedorn, Marisa Löckmann und Leonie Brandwitte fuhren jeweils auf Rang drei in ihren Altersklassen und auch Alexandra Sandmann (2.) baute ihre Medaillenbilanz weiter aus. Julia Potthoff rundete das Ergebnis mit einer Saisonbestleistung ab. Auch hier setzte Misaki Ushida im Finale mit 7,09 Sekunden einen weiteren Weltrekord.
Den letzten Wettkampftag eröffneten die EGM-Sportlerinnen mit den 400 Metern, weiterhin bei sehr hohen Tem-peraturen. Karla Nolle Buschmann holte sich mit Rang drei ihre erste Bronzemedaille, Marisa Löckmann (3.) und Leonie Brandwitte (2.) vergrößerten ihre Medaillensammlung. Nicole Hagedorn, Maja Laumann und Max Laumann erzielten sehr gute Platzierungen und persönliche Bestleistungen. Im 400m-Finale der Herren rundete Misaki Ushida sein Weltrekord-Triple mit 53,71 Sekunden über 400 Meter ab.
Den Abschluss der Bahnwettkämpfe bildeten die 4×100-Meter-Staffeln – bei jeder Meisterschaft ein besonderes Teamhighlight. Die EGM ging mit gleich fünf Staffeln an den Start, darunter eine in der Altersklasse 0-14 Jahre. Diese Staffel mit Amelie Rosemann, Karla Nolle Buschmann, Hermine Winterberg und Franziska Tepe verpassten um wenige hundertstel als starke Vierte knapp das Podium, setzte sich aber unter 16 Staffeln klar im vorderen Feld ab. In der Altersklasse 15+ setzte die Staffel von Leonie Brandwitte, Julia Potthoff, Emilia Quandt und Marisa Löckmann mit Platz 11 unter 52 Staffeln ein starkes Zeichen. Für das gesamte Team waren die Staffelrennen ein wunderbarer Abschluss der eigenen aktiven Wettkämpfe.
Auch abseits der eigenen Rennen erlebte das Team besondere Momente: Am Donnerstag entdeckten sechs EGM-Mitglieder den Convention-Bereich der UNICON und starteten früh morgens beim Einrad-Triathlon – 300 Meter
Schwimmen, 5 Kilometer Einradfahren entlang der Steyr und abschließend 2 Kilometer Laufen. Für die Sportlerinnen und Sportler war es eine willkommene Gelegenheit, eine neue Disziplin auszuprobieren, und ein weiterer schöner gemeinsamer Teammoment zum Abschluss der WM.
Am Nachmittag traf sich ein Großteil des Teams zu einem der Höhepunkte einer jeden UNICON als Zuschauer: den Klein- und Großgruppenküren. Mit bunten Kostümen, mitreißender Musik und waghalsigen Tricks zauberten die Teams besondere Momente und eine ganz eigene, mitreißende Atmosphäre in der Stadthalle von Steyr – ein wunderbarer gemeinsamer Ausklang der Weltmeisterschaft, der noch einmal deutlich machte, was die UNICON so besonders macht: den Zusammenhalt einer weltweiten Einrad-Familie.
Für die 25 Sportlerinnen und Sportler der Einradgemeinschaft Münsterland war die UNICON in Steyr in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Sportlich konnten sich die Sportlerinnen und Sportler mit zahlreichen persönlichen Bestleistungen und unvergesslichen Highlightmomenten für ihr hartes Training belohnen. Auch die Platzierungen fielen hervorragend aus: zahlreiche Top-Ten-Ergebnisse, der Finalteilnahme im Criterium sowie drei erste, neun zweite und fünfzehn dritte Plätze in den einzelnen Altersklassen. Mindestens ebenso wertvoll waren die Momente abseits der eigenen Wettkämpfe: neue Einraddisziplinen kennenlernen, internationale Kontakte knüpfen und gemeinsam als Team zwei intensive, mitreißende Wochen erleben. Auch das Trainerteam der EGM zieht eine posi-tive Bilanz: „Dass so viele Sportlerinnen und -sportler unseres Vereins bei dieser UNICON dabei waren und dabei so starke Leistungen gezeigt haben, ist alles andere als selbstverständlich. Bei einer derart starken internationalen Konkurrenz eine Top-Ten-Platzierung oder sogar einen Podestplatz zu erreichen, ist eine herausragende Leistung. Wir sind sehr stolz auf das gesamte Team.“
Nach einer kurzen sportlichen Pause richtet sich der Blick des Teams nun bereits auf den letzten Wettkampf der Saison: den heimischen Einrad-Cup Münsterland am 19. September in Warendorf.
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Foto: EGM
