Lange wurde gemutmaßt, wie sich die Evangelische Kirche in Warendorf für die Zukunft aufstellen will, nun ist die sprichwörtliche Katze aus dem Sack: Das bisherige Pfarrhaus, das als Philipp-Melanchthon-Haus bekannte Gemeindehaus und die große Wiese, alle am Standort Pictoriusstraße, fallen dem notgedrungenen Rotstift zugunsten neuen, bezahlbaren Wohnraums in Form von mindestens 12 Eigenheimen zum Opfer. „Wichtig für den heutigen Abend: Es geht nicht um den Kindergarten!“, betonte Pfarrer Cornelius Bury in der mit rund 60 Personen gut besuchten, allerdings nicht entscheidungsbefugten Gemeindeversammlung Mitte September in der Christuskirche. Der Kindergarten habe einen guten Ruf und die Stadt habe diesbezüglich deutlich Unterstützung signalisiert.
Für das Gemeindehaus und das Pfarrhaus, das Bury derzeit noch mit seiner Familie bewohnt, gebe es keine Zukunft, so die Einschätzung der Sachverständigen. Das um 1970 gebaute Philipp-Melanchthon-Haus sei aus der Zeit gefallen und mache für die Bedarfe der heutigen Zeit keinen Sinn mehr, betonte Pfarrer Herwig Behring und verwies nur beispielhaft auf mangelnde Barrierefreiheit, die WCs auf zwei Etagen und vor allem auf die nicht sinnvoll umsetzbare energetische Ertüchtigung.
Dass der Gemeinde der Abschied von diesen Häusern nicht leicht fallen werde, ist den Geistlichen deutlich bewusst. Westkirchen sei schweren Herzens aufgegeben und zurückgebaut worden, auch in Beelen war das Gebäude nicht als Kirche zu erhalten. Dagegen konnte das denkmalgeschützte Martin-Luther-Haus an der B64 zu einem Schmuckstück und zu einem neuen Kirchenzentrum entwickelt werden. „Kirche braucht Gebäude, aber Gebäude sind nicht Kirche“, stellte Behring klar.
Eine mögliche schnell umsetzbare Lösung ergab sich unverhofft: Pfarrer Behring, der in drei Jahren in Rente gehen und das Pfarrhaus an der Rüenschlüppe verlassen muss, hat bereits jetzt ein neues Domizil gefunden. Damit kann Familie Bury in das Pfarrhaus einziehen und das Ensemble an der Pictoriusstraße komplett aufgegeben werden. Für die wenigen bisher dort verbliebenen Veranstaltungen werde man Wege finden, gegebenenfalls müsse dazu jeweils ein Saal angemietet werden. Der Posaunenchor, so Bury, könne in der Christuskirche einen optimalen Proberaum erhalten. Für die Lagerung der Instrumente werde sich eine Möglichkeit finden.
Für die Nachnutzung der rund 5.000 Quadratmeter großen Fläche am Standort Nord stellten Janine Heiland und Carl Altefrohne vom Architekturbüro Altefrohne, die Idee eines Wohnareals mit mehreren Eigenheimen vor, die den in Warendorf dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum bieten. Diese Planung ist zwar noch recht rudimentär, soll aber bereits in Kürze Gestalt annehmen. Wichtig für den Kindergarten: Da die große Wiese am Gemeindehaus wegfällt, wird dieser mehr Raum in der anderen Himmelsrichtung erhalten.
Der zusätzliche Wohnraum soll sich in die vorhandene Nachbarschaft einfügen, erklärte Andreas Ellebracht vom Unternehmen „Mensch und Immobilie“. Er stellte recht dezidierte Planungen für sechs Reihenhäuser in zwei Dreiergruppen, in Holzbauweise mit KfW40-Standard auf Erbpachtgrundstücken zu 99 Jahren vor. Seine Wirtschaftlichkeitsberechnungen erstreckten sich dabei auf förderfähige Projekte von Familien mit Kindern.
Den fehlenden Bebauungsplan für die Fläche heble der sogenannte Bauturbo aus, erläuterte Altefrohne. Die Stadt habe diesbezüglich bereits ihre Unterstützung signalisiert. Auch aus den Kommentaren und Fragen aus der Versammlung war Wohlwollen zu erkennen, falls notwendige Anmerkungen berücksichtigt werden. Die Kirchengemeinde wird die Öffentlichkeit auch in den kommenden Planungsschritten regelmäßig informieren.

Auf dem Gelände des hier dargestellten Philipp-Melanchthon-Haus, dem benachbarten Pfarrhaus und der dahinter liegenden großen Wiese soll ein Quartier mit 12 eineinhalb- bis zweigeschossigen Holzhäusern entstehen

Pfarrer Herwig Behring, Andreas Ellebracht und Mira Schlingmann (beide „Mensch und Immobilie“, Warendorf), Janine Heiland und Carl Altefrohne (beide Architekturbüro Altefrohne, Warendorf) sowie Pfarrer Cornelius Bury stellten die Planungen der Evangelischen Kirche für den Standort an der Pictoriusstraße vor (von links)
Fotos: Rieder
