Stellen Sie sich vor Sie ziehen um. Auf den Hof Soundso. Und hießen dann plötzlich nicht mehr Meier, sondern Meier genannt Soundso. Und später nur noch Soundso.
Das gibt es nicht? Nicht mehr, wäre die richtige Formulierung. In früheren Zeiten war es auf dem Land aber vielfach genau so. Und das war nur eine der Schwierigkeiten, auf die der Heimatverein Hoetmar bei seinen Bemühungen gestoßen ist, zu jedem Haus des ehemaligen Ortskerns eine Hofgeschichte anzulegen. Dabei legten die Ehrenamtlichen eine Karte von 1830 zugrunde, die im Katasteramt langsam vor sich hin starb, glücklicherweise aber vom Kreisarchiv, wo sie jetzt beheimatet ist, restauriert wurde. Darauf ist zu sehen, dass die Häuser früher einfach durchnummeriert waren. Fiel eines weg, erhielt ein anderes diese Nummer.
Bei dieser akribischen Arbeit kam eine Sammlung von Stamm- oder Ahnenbäumen heraus, die für Hoetmar ein sehr genaues Bild über das „Wer, wo, wann und mit wem?“ zeigt. Natürlich konnten diese Ahnentafeln nur mit offiziellen Unterlagen erstellt werden. „DNA Proben haben wir keine genommen“, sagt Adelheid Herweg schmunzelnd. Insofern seien auch nur die offiziellen Verwandtschaftsbeziehungen aufgezeigt. Johannes Tertilt, Ansgar Drees und Margit Austerhoff können sich ein Schmunzeln ebenfalls nicht verkneifen. In einem ausführlichen Gespräch versuchen sie, die Sisyphusarbeit, die in dem Projekt steckt, zu entwirren.
Denn „genannt Soundso“ oder andere Schreibweisen von Namen sind nur das eine Problem. Das andere: Wo die Informationen erhalten? Für die letzten Jahrzehnte ist das recht einfach zu beantworten: Fast gar nicht, und wenn dann recht kompliziert, dank Datenschutz. Für die Jahrhunderte davor stehen die online lesbaren Kirchenbücher zur Verfügung. Geburten sind dort ab 1610 verzeichnet, Hochzeiten und Sterbefälle ab 1670. So weit, so unvollständig, denn für die Zeit des 30-jährigen Krieges klafft eine beachtliche Lücke in den auf die Bücher verteilten rund 15.000 Zeilen.
Dazu kommt das Problem mit den Namensänderungen, anderen Schreibweisen oder auch der Benennung von Kindern nach beispielsweise der Patentante. Zwischen Geburt, Heirat und Tod kann es erstaunlich viele ähnlich und andere Namen für dieselbe Person geben. Ein „passt hier nicht und passt da nicht“ war bei der Sucharbeit Normalität.
Weil es Herweg und Austerhoff zu mühsam war, ständig zwischen den Büchern hin und her klicken zu müssen, schrieben sie die 15.000 in teils kaum entzifferbarem Sütterlin und später in Kanzleischrift verfassten Zeilen „kurzerhand“ ab und können nun wesentlich komfortabler in einer Excel-Tabelle suchen. Eine große Hilfe die alte Schrift in neue Formen zu gießen, leistet Theo Röper. „Der steht da nachts für auf um zu übersetzen“, loben ihn die Gesprächspartner unisono.
Selbst mit den Informationen aus diesen Büchern kann nicht alles entschlüsselt werden. Eine weitere Hilfe bieten Totenzettel, die früher zu jedem Todesfall gehörten und auch heute noch vielfach Verwendung finden. Zudem existieren zahlreiche Fotos von selbst gar nicht mehr vorhandenen Grabsteinen des Hoetmarer Friedhofs. Beides hilft, um auch für die jüngere Vergangenheit belastbare Informationen zu haben.
Aus dieser umfangreichen Arbeit sind nicht nur die angestrebten Hofgeschichten entstanden, sondern darüber hinaus mehrere Stammbäume, die einen Überblick auf das Hoetmarer „Wer, wann, wo und mit wem“ liefern. Sie standen beim Tag des offenen Denkmals im Mittelpunkt, denn statt alter Gemäuer präsentierte der Heimatverein an diesem Termin seine umfangreichen und doch nur vorläufigen Ergebnisse, die so lässt sich aus den Verzweigungen erkennen, bis weit in die Region und über Kreisgrenzen hinaus interessant sind.
Die Resonanz bewies, wie ansprechend dieses Thema ist. Im Läutehaus, wo die Stellwände mit den umfangreichen, weit verzweigten Stammbäumen bzw. Ahnentafeln ausgestellt waren, suchten mehr und mehr Besucher nach ihnen bekannten Namen, nicht nur aus ihrer eigenen Verwandtschaft, und wurden oft fündig. Die Ehrenamtler des Dorfarchivs standen nicht nur gerne hilfsbereit zur Seite, sondern ebenso gerne Rede und Antwort. Auch auswärtige Besucher, die eigentlich nur wegen des – wetterbedingt kaum vorhandenen – Dorfflohmarkt nach Hoetmar gekommen waren, interessierten sich für die Arbeit der Ehrenamtler und die Ergebnisse, während andere extra angereist waren, um sich über ihre Ahnen zu informieren.
Johannes Tertilt, einer der federführend am Projekt Beteiligten, gab zu, dass einige von ihnen wegen des großen Andrangs vertröstet werden mussten. „Wir haben Kontaktzettel ausgegeben, so dass wir im Nachgang auf die Interessenten zugehen können“, erläuterte er. Highlights des Tages sei für ihn, neben der großartigen Resonanz auf die Ausstellung, dass dem Dorfarchiv allein durch diesen Tag bereits wieder weitere Informationen und Archivalien zugesichert wurden. Einmal mehr bekräftigte er, wie sehr sich das Dorfarchiv auch über vermeintlich unscheinbare oder unwesentliche Erinnerungen in Form von Akten, Fotos und weiterem freut.

Die Karte aus dem Jahr 1830 zeigt nicht nur recht eindrücklich, wie klein der Ortskern seinerzeit war, sondern auch, dass Straßennamen damals keine Rolle spielten

Kirchenbuch Ausschnitt: Beispielhafter Ausschnitt aus einem Kirchenbuch mit Einträgen aus dem 17. Jahrhundert

Die Ahnentafeln stoßen in der Bevölkerung auf großes Interesse. So auch bei den Schwestern Annegret Krumbeck-Lücke und Dorothee Krumbeck, die sich am Tag des offenen Denkmals von Adelheid Herweg durch die umfassende Materie führen ließen (von links)

Das Dorfarchiv kann für seine intensiven Recherchen auf immer mehr Archivalien zugreifen, die ihm zur Verfügung gestellt werden. Auch durch den Tag des offenen Denkmals wurden den ehrenamtlichen Forschern weitere neue alte Dokumente und Erinnerungsschätze avisiert.
Fotos: Rieder
